„Ja, willkommen zurück zu einer neuen Ausgabe des Self-Defense-Box-Podcasts!“ – So oder so ähnlich eröffnen wir, das Team der Self-Defense-Box, regelmäßig unsere Gespräche rund um das Thema Selbstverteidigung. Diesmal hatten wir wieder einmal die Ehre, Mario Stapel zu Gast zu haben. Mario ist ein Kämpfer und Trainer mit beeindruckender Vita: Thai-Boxen in Holland und Thailand, Brazilian Jiu-Jitsu (BJJ) bei den Gracies, MMA-Erfahrung und nicht zuletzt ein Werdegang, der von authentischer Selbstverteidigung bis hin zum Militär reicht.
Mario Stapels Rolle im Podcast
In unserem Podcast laden wir regelmäßig hochkarätige Gäste ein. Mario Stapel ist jedoch eine besondere Konstante: Alle paar Wochen kommt er nach Köln, hält Seminare bei uns in der Self-Defense-Box und setzt sich anschließend in unserem Studio mit uns zusammen, um über Fachthemen und Anekdoten aus seinem bewegten Leben zu sprechen. Obwohl er als Soldat und BJJ-Experte Erfahrung in einigen der härtesten Disziplinen hat, haben wir ihn stets als zutiefst bodenständig erlebt.
Seine Stimme transportiert Gelassenheit, seine Aussagen verraten jedoch einen untrüglichen Sinn für das Wesentliche: Es geht darum, realistisch kämpfen zu lernen, ohne dabei den Humor oder die Menschlichkeit zu verlieren. Die Synergie zwischen seiner Erfahrung und unserer Neugier schafft eine Gesprächsatmosphäre, in der Neulinge wie Fortgeschrittene viel lernen können.
„Wie holen wir Gewaltneulinge ins Boot?“
Wir haben uns gefragt, wie wir Personen, die noch nie mit Schlägen oder Griffen in Berührung kamen, an das Kampfsport- bzw. Selbstverteidigungstraining heranführen können. Ganz klassisch fallen uns Beispiele ein wie: „Ich will mich verteidigen, habe aber Angst, geschlagen zu werden“, oder „Ich mag den Körperkontakt nicht so sehr.“
Mario Stapel betonte mehrfach, dass man dabei einen wichtigen Punkt nicht übersehen dürfe: „Die Leute müssen es auch wirklich wollen!“ Wenn jemand gar nicht kämpfen lernen will, hilft auch das beste Konzept wenig. Vor allem, weil Kämpfen bedeute, sparringsähnliche oder sogar echte Drucksituationen auszuhalten – zumindest in kleinen Schritten.
Uns war es wichtig, das Thema ohne Dramatisieren zu beleuchten. Denn oft hören wir die Vorstellungen: „Selbstverteidigung gleich Schienbein-Abhärtung und Militärdrill“. Dabei sind wir, wie auch Mario, der Meinung, dass ein natürliches Maß an Härte im Training ganz von selbst entsteht – wir müssen es nicht künstlich herbeizwingen.
Marios Einblicke aus Thailand: früher rau, heute kommerziell
Da Mario bereits in den 1990er-Jahren in Thailand war, fragten wir ihn: „Wie war das damals?“ Heutzutage sind Gyms wie auf Phuket hochorganisiert und bieten Pakete für Touristen an. 1996 hingegen war Bangkok noch weniger auf ausländische Thai-Boxer eingestellt. Mario erzählte uns, wie er mit minimalem Budget rüberflog, teils auf eigene Faust ein Hotel suchte und sich in lokalen Gyms durchschlug, im wahrsten Sinne des Wortes.
Er machte uns deutlich, dass Klima, Kultur und Hygienestandards entscheidenden Einfluss auf das Training haben können. Gerade Jan, unser Kollege, hatte dazu die Theorie, dass die hohe Luftfeuchtigkeit und viele Trainierende in Thailand oft zu hartnäckigem Mattenpilz und anderen Hautinfektionen führen. Mario bestätigte das: Wer ernsthaft dort trainiert, solle peinlich genau auf Sauberkeit und Körperhygiene achten. Trotzdem würden diese Reiseerfahrungen oft echte Meilensteine sein – man wächst an der Herausforderung.
Rio de Janeiro und die Erfahrung als „Gringo“
Einen weiteren Schwerpunkt legten wir auf Marios Aufenthalt in Brasilien, speziell Rio de Janeiro. Dort ist er – damals als Braungurt bzw. baldiger Schwarzgurt im BJJ – direkt mit kulturellen Spannungen konfrontiert worden. Er erzählte uns, dass er anfangs noch glaubte, „Gringo“ sei ein lustiges Kosewort, bis er merkte, dass es durchaus abfällig gemeint sein konnte.
Diese Lektion in Sachen sozialer und rassistischer Spannungen hat ihn geprägt. Wir fragten uns, wie Mario mit der harten Gangart auf der Matte umging, wenn brasilianische Kämpfer oder Weltmeister ihn forderten. Er sagte dazu, dass ihn diese Intensität zwar forderte, aber auch enorm stärkte. Wer sich mehrmals pro Woche mit sehr erfahrenen Grapplern und MMA-Kämpfern konfrontiert sieht, wird rasch gelassener in Bezug auf „Straßenangriffe“ von Ungeübten.
Vom Thai-Boxen zum Grappling – Marios Transformation
Besonders interessant fanden wir Marios Wandel: Zuerst war er tief im Thai-Boxen verankert, trainierte in Holland, wo diese Disziplin berühmt ist. Dort stieß er jedoch auch auf „Freefight“-Einheiten, die damals eher chaotisch abliefen. Riesige, muskelbepackte Kerle drückten ihn einfach nieder. Mit 65 kg hatte er wenig Chancen – solange er nicht wusste, wie echter Bodenkampf funktioniert.
Dann traf er auf Peter Ruys, der ihn in Richtung Gracie Jiu-Jitsu lenkte. Wie Mario uns erzählte, ging er schließlich zu den Vacirca-Brüdern in der Schweiz, die ihm strukturiertes BJJ beibrachten. „Plötzlich“, sagt er, „konnte ich diese 130-Kilo-Typen zum Tappen bringen, obwohl ich kaum drei Monate die Basics gelernt hatte.“ Für uns war das ein Schlüsselmoment: Technik schlägt rohe Kraft, wenn sie sauber angewendet wird und man Schritt für Schritt Vertrauen ins eigene Können entwickelt.
Atmosphärenfrage: weniger Drill, mehr Menschlichkeit
Wir sprachen oft über die Trainingskultur. Viele assoziieren Kampfsportschulen mit militärischem Ton, ständigen Liegestützen und autoritärem Gehabe. Mario lachte und erklärte uns, dass er als Soldat genau das Gegenteil kenne: „Die eigentlichen Kampftruppen gehen meist kameradschaftlich miteinander um. Aber in manchen Einheiten oder auch in gewissen Selbstverteidigungsschulen, wo man gar nicht so viel kämpft, wird umso lauter gebrüllt.“
Unser Konsens: Wir brauchen keine künstliche Härte, weil die Härte im Sparring ohnehin kommt. Sobald man ernsthaft boxt, ringt oder tritt, reicht das vollkommen, um zu spüren, was Auseinandersetzung bedeutet. Eine lockere, humorvolle Grundstimmung fördert hingegen den Lernerfolg enorm. So macht es den Teilnehmenden Spaß, sie entwickeln Vertrauen in Trainer und Trainingspartner.
Einem Anfänger Sparring nahebringen: der schrittweise Weg
Das Kernthema lautete schließlich, wie wir Lischen Müller und Max Mustermann an den Kampf heranführen. Mario betonte: „Schritt für Schritt.“ Niemand sollte am ersten Tag fünf Minuten unter hartem Druck stehen, ohne zu wissen, was überhaupt zu tun ist. Stattdessen schlägt er vor:
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Positionsübungen: Wir lassen den Neuling in einer ungefährlichen Situation üben, zum Beispiel in der Guard oben zu bleiben. Der Fortgeschrittene in der Guard geht auf 20–30 % Widerstand, damit der Neue ein Gespür bekommt.
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Vereinfachte Drills: „Du versuchst aufzustehen, ich versuche dich leicht zu sweepen.“ So entwickelt der Neuling erste Reflexe.
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Fortgeschrittene übernehmen Verantwortung: Wer lange trainiert, muss den Beginner nicht egoistisch dominieren, sondern sollte ihm helfen, die Basics zu verinnerlichen.
Dieses System begrüßen wir sehr in unserer Self-Defense-Box, denn so können Ängste vor Schlägen und Griffen abgebaut werden. Ein lockerer Drill, gefolgt von konstruktivem Feedback.
Blaugurt-Depression und das Durchhalten im BJJ
Wir wissen, dass manche Hörerinnen und Leserinnen bereits BJJ-Erfahrung haben, und brachten das Thema „Blaugurt-Depression“ zur Sprache. Mario erklärte, dass viele auf dem Weg zum Blaugurt motiviert bleiben, weil sie sich auf das Erreichen dieses ersten Farbgurtes freuen. Doch nach der Verleihung des Blaugurts gibt es zwei typische Probleme:
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Stärkere Gegenwehr der Fortgeschrittenen: Die „Welpenschutz“-Phase ist vorbei.
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Gefühl, nicht besser zu werden: Plötzlich wirken die Lilagurte oder Braungurte dominanter.
Wir besprachen mit Mario, wie essenziell es dann ist, nicht aufzugeben. Denn ab Blaugurt kann man eigentlich alles lernen, was man zum Schwarzgurt braucht – nur geht es jetzt ins Feintuning. Für uns ist das zugleich ein Hinweis, dass Geduld und Durchhaltevermögen sehr eng mit dem Lernerfolg verknüpft sind.
Selbstverteidigung vs. Sport-BJJ: Marios Perspektive
In unserem Gespräch stießen wir auch auf die häufig geführte Debatte, ob reines Sport-BJJ für die Straße tauge. Mario, tief mit der Gracie-Linie verbunden, vertritt die Meinung, dass man Schlagabwehr nicht vernachlässigen darf. Im traditionellen Gracie Jiu-Jitsu – oder in dem, was er „Valet-Tudo-Programm“ nennt – gehört Schlagen, Clinchen, Takedown und Bodenkampf mit Schlägen ebenso dazu wie Submissions.
In Wettkampfsituationen ohne Schläge können wir das Spiel sehr spezifisch betreiben (z. B. De-la-Riva-Guard, Spider-Guard). Doch in einem echten Konflikt droht uns ein Kniestoß oder ein Schlag auf den Hinterkopf. Deshalb, so Mario, sollten wir immer wieder Sequenzen haben, in denen wir Schläge ins Technikrepertoire einbeziehen.
Blutige Nasen, Verletzungen und der mentale Umgang damit
Wir selbst hatten im Podcast Scherze über Dominiks Nase gemacht, die bereits mehrfach gebrochen wurde und bei jedem Schlag gern wieder aufblüht. Mario betonte, dass solche Verletzungen kein Muss sind und auch in einem kontrollierten Training viel zu verhindern sei. Dennoch gebe es im Kampfsport natürlich ein gewisses Restrisiko.
Wichtiger als die Angst vor einer Verletzung sei der mentale Umgang: Wer einmal Blut sieht oder eine Lippe aufgeschlagen bekommt, sollte lernen, ruhig zu bleiben. Eine seriöse Schule lässt Neulinge nicht in die Volldistanz, sondern führt sie behutsam an Härte heran. So entstehe ein realistischer, aber nicht einschüchternder Bezug zum Kämpfen.
Vertrauen und Wille als Schlüssel für Neulinge
Immer wieder kamen wir auf die Rolle des Willens und des gegenseitigen Vertrauens zurück. Mario formulierte es so: „Wenn du nicht wirklich kämpfen lernen willst, dann wirst du bei der ersten ernsten Hürde aussteigen.“ Wir pflichten ihm bei: Einerseits muss die Person sich für das Thema öffnen, andererseits ist ein gutes Gym dafür verantwortlich, ein Umfeld zu schaffen, in dem man sich sicher genug fühlt, um sich auf Sparring einzulassen.
Diese Kombination aus innerer Entschlossenheit und vertrauenswürdigem Trainerumfeld ist es, was den Funken zündet. Viele von uns (Trainer*innen) haben ähnliche Erfahrungen gemacht: Der Anfang ist ein Balanceakt zwischen „ans Kämpfen gewöhnen“ und „nicht gleich überfordern“.
Seminare bei uns und Marios „Seriosität“
Weil Mario regelmäßig bei uns in Köln ist, sehen wir jedes Mal, wie sein Konzept in der Praxis funktioniert. Er gestaltet Seminare, in denen auch jene, die anfangs sehr zurückhaltend sind, rasch Fortschritte machen – sei es beim „Street-MMA“ oder beim reinen Grappling.
Während andere Trainer:innen oft auf strengen Ton setzen, schafft Mario durch seine humorvolle, freundliche Art eine Atmosphäre des Lernens und Ausprobierens. Uns fällt auf, wie ähnlich unsere Philosophie ist: Regeln, ja – starre Disziplin, nein. Wer zu spät kommt, muss das Training nicht unterbrechen, sondern wird eingebunden. Wer Angst hat, sagt Bescheid und kriegt Hilfe.
Wir finden, dass seine Geschichte (Soldat, Thai-Boxer, BJJ, internationale Seminare) eine besondere Glaubwürdigkeit verleiht. Denn gerade Menschen, die in härtesten Bereichen ausgebildet wurden, sind oft tiefenentspannter als jene, die ihre Härte nur spielen.
Kämpfen müssen wir lernen, um uns verteidigen zu können
Am Ende dieser Podcast-Folge bleibt eine zentrale Erkenntnis bestehen: Wer sich verteidigen können will, muss sich darauf einstellen, Kämpfen zu üben. Es reicht nicht, in der Vorstellung „Ich geb’ einmal eine Ohrfeige und renne weg“ zu verharren. Vielmehr ist echtes Kämpfen meist komplexer, unvorhersehbarer und physisch wie psychisch anstrengend.
Mario hat uns gezeigt, dass wir jedoch niemanden ins kalte Wasser stoßen müssen. Wir können Neulinge mit isolierten Drills, kurzen, angeleiteten Sparringsformen und dem richtigen Mindset an diese Welt heranführen. Eine Schule, die auf Vertrauen setzt, schafft einen Raum, in dem selbst ängstliche Personen ihre Grenzen verschieben und neue Fähigkeiten entwickeln können.
Als besonders essenziell sehen wir:
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Die Leute müssen es wollen.
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Wir Trainer*innen müssen den sicheren Rahmen bieten.
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Humor und Respekt beschleunigen Lernprozesse.
Ausblick und persönlicher Dank
Wir freuen uns schon auf Marios nächsten Besuch bei uns in Köln. Alle vier Wochen ungefähr finden Seminare statt, in denen sowohl Anfänger*innen als auch Fortgeschrittene von seiner Expertise profitieren können. Für uns sind diese Events stets eine Bestätigung, dass ein lockerer Ton und dennoch seriöse, realistische Inhalte wunderbar zusammengehen.
Abschließend bedanken wir uns bei Mario für seine Offenheit, die vielen Geschichten aus Thailand, Rio und Holland und dafür, dass er uns und unseren Hörer*innen die wichtigsten Aspekte guten Kampfsporttrainings vermittelt hat. Wir hoffen, dass wir mit diesem Artikel auch euch einen Blick hinter die Kulissen dieses inspirierenden Gesprächs geben konnten.
Bleibt dran, trainiert fleißig, lacht miteinander – und vergesst nicht: Wenn wir ernsthaft kämpfen lernen wollen, dann geht das nur mit echtem Sparring, echter Leidenschaft und echtem Vertrauen!
Schlussgedanken
In unserer Self-Defense-Box und im Podcast gilt also weiterhin das Motto: „Step by step ranführen, Spaß beibehalten und doch die Realität nicht vergessen.“ Schwere Verletzungen und blutige Nasen sind kein Trainingsziel, können aber passieren. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen und wie wir uns im Training gegenseitig unterstützen.
Marios Reisebeispiele und sein bodenständiger Humor zeigen uns: Es darf gelacht werden, auch wenn es um ernste Themen geht.
Wir sind überzeugt, dass genau diese Balance aus Professionalität und Leichtigkeit vielen Menschen hilft, die Angst vor Schlägen zu verlieren, die ersten Schritte auf der Matte zu wagen oder endlich zu akzeptieren, dass Selbstverteidigung sich durch echtes Kämpfen lernt – und nicht nur in der Theorie.
„Selbstverteidigung ist kein Spaziergang, aber es macht Spaß, wenn wir die richtige Einstellung haben und einen guten Trainer an unserer Seite.“ – So würde Mario es vermutlich zusammenfassen. Und genau so haben wir es auch in unserem Gespräch erlebt.
Wir hoffen, euch einen möglichst lebendigen Einblick in unser Gespräch mit dem „seriös-unglaublichen“ Mario Stapel gegeben zu haben. Wer möchte, kann gern mal bei unseren Seminaren oder bei einem Probetraining vorbeischauen – denn den Spaß und die Herausforderung, von denen wir hier erzählen, erlebt man am besten persönlich auf der Matte.

